WIE ICH MICH ABGRENZTE UND DADURCH MEHR NÄHE ENTSTANDEN IST.

Kennst Du das? Irgendwie kommst Du selber oft zu kurz? Vielleicht nimmst Du Dir schon länger vor Dir etwas Gutes zu tun. Und irgendwie kommen immer wieder Verpflichtungen oder irgendwelche Termine dazwischen, so dass Du nicht zu Deinem Saunabesuch, Deinem neuen Buch, Deiner ganz persönlichen Mußezeit kommst. Was ich festgestellt habe (und vielleicht kennst Du auch das) ist, dass ein Schlüssel darin liegt mich mehr abzugrenzen. Denn ich komme daher Anderen gerecht werden zu wollen und meine Prioritäten dementsprechend zu setzen. So war es nämlich neulich – und ich habe noch die Kurve gekriegt.

Der Geschichte ging voraus, dass ich mit einer Freundin ein Treffen verabredet hatte. Einen Tag später fiel mir auf, dass ich den Nachmittag eigentlich für meine Kinder reserviert hatte, der einzige gemeinsame Nachmittag in der Woche. (Für meinen Teil liegt da auf jeden Fall schon mal mein Hund begraben, aber darauf kommen wir später noch zurück.) Was jetzt? Mein Wunsch war die Zeit mit den Kids, aber jetzt hatte ich ihr schon zugesagt. Es war mir unangenehm, aber ich entschied den Termin mit ihr noch mal zu verschieben. Ich rief also bei Ihr an (freute mich, dass ich nur ihre Mailbox erreichte) und hinterließ Ihr eine Nachricht, dass ich unsere Verabredung noch mal verschieben wollte, weil ich übersehen hatte, dass das mein einziger Nachmittag mit den Kindern ist. (Große Herausforderung auch noch ehrlich zu sein und mein Bedürfnis nach den Kindern zu nennen und nicht andere wichtige Termine vorzuschieben.)

 

Einen Tag später rief sie an und war ziemlich aufgebracht. Sie motzte dass sie jetzt schon den Babysitter organisiert hat. Und, dass ich ja immer so unzuverlässig bin und sie das ja schon von mir kenne. Und das sie mir offensichtlich nicht so wichtig ist, sonst würde ich das ja jetzt wohl möglich machen...

Puh, ich merkte wie ich innerlich zum Rückschlag ausholte um mich zu rechtfertigen (also mein Recht, nach dem sie mich ins Unrecht gesetzt hat, wieder zu fertigen).  Der Termin ist ja noch lange hin... und ich merkte wie ich, wenn ich auf dieser Spur bliebe noch einiges an Argumenten hervorholen könnte, die unfairer und eventuell auch unter der Gürtellinie liegen würden. Mein Verstand war sofort im „Kriegsmodus“. Was sie sich überhaupt so aufregt... Ich nehme meine Kinder halt wichtig im Gegensatz zu ihr... und, und und. Erstaunlich wie leicht der Verstand irgendwelche Argumente aus dem Ärmel zaubert die der Rechtfertigung und dem Zurückschlagen dienen. Nur wirklich weiter kommt man damit ja nicht.

Denn sie hatte ja auch Recht, genau wie ich. (Das ist ja übrigens meistens das Problem. Beide Parteien wollen die Deutungshoheit über die Realität für sich beanspruchen. Und in dieser Deutung sind sie selber im Recht und der andere im Unrecht. Gleichzeitig ist immer jeder aus seiner eigenen Perspektive im Recht.)

Was mir aber nicht gefiel waren die Vorwürfe die sie mir machte. Und ich konnte sehen, es war nicht optimal den Termin noch mal zu verschieben. Und erst mal ging es darum sie zu stoppen, denn sie war auch im Kampfmodus, und da war kein Durchkommen.
Also los: „So, jetzt warte mal! Ich kann ja verstehen, dass das eine doofe Situation ist UND ich will nicht, dass Du so mit mir sprichst und mir Vorwürfe machst.“ Das schien nicht durchgedrungen zu sein, denn sie schimpfte weiter. „Ja genau, das ist echt eine doofe Situation, ich habe mir das Ohr wund telefoniert um einen Babysitter zu organisieren und jetzt war das alles für die Katz, nur weil Du mit Deinen Kindern sein willst, die Du ja eh jeden Tag siehst.“ – Das ging mir zu weit, ich musste offensichtlich noch deutlicher werden und Bedingungen für die Kommunikation nennen und die dazu gehörigen Konsequenzen nennen, die ich ziehen werde wenn sie sich nicht an meine Bedingungen hält:

„Ok. Ich sehe ein, dass das blöd ist und es tut mir leid, dass ich nicht gleich genauer hingeschaut habe mit dem Termin UND das hat nichts damit zu tun, dass Du mir nicht wichtig bist. Ich würde das gerne klären und einen neuen Termin finden. Dazu müsstest Du JETZT aufhören mir Vorwürfe zu machen und zu schimpfen, denn das will ich mir nicht anhören. Du kannst auch damit weiter machen, dann lege ich jetzt auf und wir sprechen zu einem anderen Zeitpunkt noch mal.“ So. Das war klar und eindeutig. Erst mal war Stille, dann ein tiefes Durchatmen zu hören, und dann sagte sie. „Gut, ich höre auf.“ - Der Sturm war also erst mal gebannt und ich konnte mein Anliegen vortragen.

„Also noch mal: Es tut mir leid, dass ich übersehen habe, das ich die Zeit schon für mich und die Kinder reserviert hatte als wir telefoniert haben. Das war total doof. (Also erstmal schön meine Täterschaft anerkannt!) Und es tut mir auch leid, dass Du jetzt das mit dem Babysitter wieder umorganisieren musst. Ich erkenne an (und hier hielt das ganze auch noch eine Erkenntnis für mich bereit...), dass die Art und Weise wie ich Termine plane nicht besonders gut funktioniert. Ich werde ab sofort auch die Zeit die ich für mich oder exklusiv mit den Kindern haben will in den Kalender eintragen, so dass das in Zukunft nicht mehr passiert.“

„Oh. OK. Ja gut, das kann ja auch mal passieren. Ich habe ja auch neulich mal einen Termin abgesagt. Und mit dem Babysitter krieg ich das schon hin. Und im Grunde finde ich es gut wie sehr Du Dich für die Zeit mit den Kindern einsetzt, denn das kommt bei mir oft auch zu kurz.“

 

Krass wie das immer wieder funktioniert. Im Contextuellen Coaching nennen wir das „transformiertes“ Abgrenzen. Abgrenzen und Nein sagen ohne den anderen ins Unrecht zu setzen. Für mich die beste (und einzige mir bekannte) Möglichkeit um den Kampf zu beenden.

Das Ende vom Lied war, wir haben einen neuen Termin gefunden und hatten ein total schönes Treffen. Und durch den Konflikt bzw. viel mehr durch die Klärung danach sind wir uns näher gekommen. Als wären wir gemeinsam durch einen Sturm gegangen. Wir waren total beschwingt miteinander. Und auch den Nachmittag mit den Kindern habe ich sehr genossen. Ich habe also beides bekommen - Zeit für mich mit den Kindern, ein Treffen mit ihr und außerdem noch eine wichtige Erkenntnis, nämlich, dass ich die Mußezeit mit meinen Kindern, aber auch die Zeit für mich am besten auch in den Kalender eintrage, denn sonst nehme ich sie nicht wichtig genug und verplane sie vielleicht anderweitig.

 

Was ich auf jeden Fall wieder mal festgestellt habe ist, dass Abgrenzen und Nein-sagen obwohl es oft eine Herausforderung ist, super wichtig ist um selber nicht zu kurz zu kommen. Also ich selber muss lernen klar und eindeutig Prioritäten zu setzten und sie dann auch durchzuziehen um meine Bedürfnisse auch befriedigt zu bekommen. Und das dann auch ohne Schuldgefühle. Denn niemand anderes ist verantwortlich für meine Bedürfnisse. Und interessanter Weise bedeutet das auf der anderen Seite auch: Ich bin für die Bedürfnisse der anderen nicht verantwortlich.

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Susanne Mahrdt (Sonntag, 27 Dezember 2015 14:01)

    Liebe Dana ! Danke für deinen wert vollen Beitrag!!! Das Anerkennen und den anderen ins recht setzen funktioniert bei mir auch. Nur dass andere meine Bedingungen akzeptieren und ich sie stoppe noch nicht so. Um so mehr freue ich mich auf deinen Workshop ! Liebe Grüße Susanne

  • #2

    det (Sonntag, 27 Dezember 2015 15:39)

    Ein wunderbarer Beitrag liebe Dana.
    er erinnert mich wieder an einen meiner Lieblingsautoren zu dem Thema Kommunikation
    Marshall B Rosenberg.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation
    Seine Bücher kann ich jedem sehr empfehlen.
    Oder man liest Deinen Blog, noch besser besucht Dein Seminar.
    Das geht natürlich auch!